Der Mensch ist ein Gewohnheitstier. Veränderungen hasst er. Einmal eingerichtet, schützt er seine kleine Blase, baut sie sich auf. Dass sie hin und wieder auch platzen kann, durch Unachtsamkeit, durch einen Piekser von außen, ja vielleicht weil er zu oft gegen die Wände rennt, daran denkt er nicht. Das gilt auch für zwischenmenschliche Beziehungen und Trennungen. Trennungen, das passiert den anderen. Uns aber nicht. Bis der Satz dann doch fällt.

Es ist vorbei. Schluss. Aus.

Trennungen sind immer scheiße. Immer dann, wenn zwei Menschen, die sich einmal sehr gemocht haben, sich entschließen, dass der gemeinsame Weg endet – oder schlimmer: Wenn es nur eine Person beschließt, dass es das jetzt war, und die andere Person mitmachen muss. Mitgehangen, mitgefangen.
Ein kleines bisschen schlimmer sind Trennungen dann, wenn da noch mehr dranhängt, als ein paar schöne Nächte. Wenn es einen gemeinsamen Alltag, eine gemeinsame Wohnung, gemeinsame Kinder, gemeinsame Projekte oder auch Tiere gibt. Und vor allem eine gemeinsame Zukunftsvision.
Und vielleicht, ja vielleicht sind am schlimmsten Trennungen mit Ende 20. Denn mit einem Schlag verliert man nicht nur einen geliebten Menschen, sondern eben auch eine Zukunft. Oft die erste sehr konkrete.

Mir ist das passiert. Mit 29. Nach sechs Jahren gemeinsamen Weges und einer klaren Vision von einer Zukunft. Plötzlich war da das Ende. Nicht ganz aus dem Off, eher ein Drama in drei Akten, in dessen ich am Ende nicht mehr der Regisseur war, sondern viel mehr der Zuschauer. Der nicht hinsehen wollte, aber musste. Und froh war, als der Vorhang fiel.

Bis ich aus dem Theater raus war – und wieder allein zu Hause.

Nach dem Schock, dem Verdauen, beginnt das Aufräumen. Beginnen die Stunden mit den Freunden und der Familie. Du tust nur die Dinge, die dir gut tun. Aber so richtig weißt du gar nicht mehr, was dir gut tut. Was sich in einem Moment als die Lösung des Schmerzes anfühlt, ist in der nächsten Sekunde ein Albtraum. Du gehst jeden Tag auswärts essen, weil die eigene Küche zu schmerzhaft an Pärchenabende und diese wohlgemeinte Routine erinnert. Weil es unter Leuten erträglicher ist, als das Alleinsein in einer Wohnung, die man erst wieder zur eigenen machen muss. In einer Zeit, in der Wortschatz von einem „wir“ wieder zu einem „ich“ wird. Du bist unterwegs, du bist vielleicht tagelang daheim und starrst an die Decke. Manch einer beginnt mit Tinder, andere wollen alles, nur nicht daten. Du schreibst, du rennst, hauptsache bewegen. Der Schmerz muss doch wegzurennen sein. Du trinkst, manchmal auch zu viel, und dann schreibst du Nachrichten. Im besten Falle an alle deine Freunde, im schlechtesten Falle an den Ex. Du räumst um, ein bisschen auf. Und irgendwann sind auch die letzten Kisten weg. Alles zusammengepackt.

Und dann kommt der Moment, wo du glaubst, es geht schon wieder. Wo du dich auf das dünne Eis der Zuversicht wagst. Einen Schritt machst. Noch einen. Und dann stehst du plötzlich im Supermarkt, du siehst den Lieblingsjoghurt deines Ex-Partners, du blickst in deinen Einkaufskorb, und schlagartig wird dir bewusst, dass du nicht mehr für zwei, sondern nur noch für dich einkaufst. Du brichst ein, durch die dünne Eisdecke, immer tiefer, in das eiskalte Wasser der Erinnerung.

Beim Versuch, dich wieder an die Oberfläche zu retten, japst du nach Luft, du klammerst dich an die Eisschicht, doch sie bröckelt. Und es dauert, bis du wieder sicher ans Ufer gelangst. Wo im besten Falle deine Freunde warten, mit einer dicken Decke, um dich zu wärmen.

Der Frühling kommt, es wird besser.

Irgendwann kommt auch der Sommer. Der See der Erinnerung taut auf. Es ist warm genug, als du am Ufer sitzt, und dich doch hineinwagst. Ein kleiner Test mit dem Zeh, es geht. Dann tauchst du ein, ziehst eine kleine Runde, gehst wieder hinaus und blickst auf das Gewässer. Es ist ruhiger geworden. Es sieht fast schön aus, du kannst es ansehen und vielleicht nicht immer genießen, aber ertragen. Und dann kommt der nächste Winter, und die Eisschicht ist diesmal dicker. Fester.

Ein halbes Jahr später war es okay. Ein Jahr später ging es mir wieder richtig gut. Ein anstrengendes, aufregendes, aber auch sehr lehrendes Jahr lag hinter mir. Vor allem aber ein Jahr voller Liebe – dank Freunde und Familie. Wer eine Liebe verliert, lernt auch, dass es noch mehr gibt, als nur diese eine.

Heute, über zwei Jahre später, bin ich glücklich. Mit mir und meinem Leben. Die Zukunft ist ein bisschen ungewisser, aber dafür auch aufregender. Mein Motor ist nicht die Angst, sondern die innere Zufriedenheit. Ich blicke zurück ohne Groll oder Trauer, sondern in Frieden. Ich vertraue auf das Leben. Ich weiß, dass alles gut ist und auch wird.

Trennungen sind immer scheiße. Liebeskummer die Hölle. Aber Trennungen sind auch immer ein Neuanfang. Eine neue Chance. Man wird plötzlich wieder der alleinige Drehbuchautor des Stückes namens Leben. Und dann schreibt man los – in der Hoffnung auf ein Happy End.

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