Dieser Kolumnentext erschien zuerst auf amazed.

Ich habe geweint. Im Supermarkt. Im Badezimmer auf dem Boden sitzend. An der U-Bahn-Station. Nach einem erfolgreichen Tag. Beim Griff zum Handy, beim Anblick des Whatsapp-Status, beim Ansehen der gemeinsamen Lieblingsserie. Die Tränen liefen an gemeinsamen Orten, beim Blick des leeren Stuhls in der Küche und am Abend im Bett. In kurzen Momenten dachte ich immer, das überlebe ich nicht. Ein Leben ohne ihn, das bringt mich um. Der Schmerz war unendlich, die Wut umso größer, die nachfolgende Einsamkeit, die sich anreihte, fast unerträglich.

Sechs Jahre. Noch keine Ewigkeit, aber trotzdem so lange, dass man denkt, das ist für immer. Etwas, das über das geteilte Bett und die gemeinsamen Tage hinausgeht. Eine Zukunftsvision, in der Ferne Kinderlachen, kein Ich ohne Wir.

Und dann trat das andere Ich die schön über die Jahre schön aufgebaute Mauer ein. Mutwillig, während mein Ich dabei zusah. Alle Gedanken und Träume unter steinharten Ziegelsteinen begraben. Sie abzutragen würde Jahre dauern, da war ich mir sicher. Unter Schmerzen aufzuräumen, nebenbei das Herz zusammensetzen und nicht vor Wut mit dem Vorschlaghammer durch die Stadt zu ziehen, ist hart. Liebeskummer ist hart. Nach einer langen, vielleicht der ersten, ernsthaften Beziehung, umso härter.

Ich sah die zusammengestürzte Mauer und sagte erstmal: „Gute Nacht, die nächsten Monate werden die Hölle.“ Legte mich ins Bett und ließ die Tränen laufen. Zwischendrin setzte ich mich auf, spürte mein Herz, vergaß zu atmen und fiel fertiger zurück in die Kissen.

Freund*innen kamen und gingen. Sie kochten, sie umarmten mich, sie hörten die Geschichte immer und immer wieder. Die Wut setzte sich neben mich und meine Retter*innen, schimpfte Tiraden und machte Raum, Raum für Trauer, Raum für die leise Vorstellung, wie es ohne ihn sein könnte, Raum für das Loslassen.

Tag für Tag verging, Monate verstrichen, das letzte Mal weinte ich an Weihnachten. Nicht mehr um ihn, sondern um das Wir, das es nicht mehr gab. Silvester stand ich auf der Tanzfläche, blickte in die glückseligen Gesichter um mich herum und ließ ein letztes Mal los. Ich war frei.

Vier Jahre ist die Trennung her, längst führen er und ich ein anderes Leben, jeder eines, das gut ist. Ich blicke nicht mit Groll zurück, sondern mit Dankbarkeit, denn ich wäre nicht der Mensch, der ich heute bin, wäre alles anders gekommen.

„Wie schafft man es, nach dem Ende einer langen Beziehung wieder alleine glücklich zu sein?“, werde ich seitdem immer wieder gefragt. Von Freund*innen, die seit Jahren in Beziehungen sind und sich – verständlicherweise – nicht mehr daran erinnern können, wie es alleine ist. Von Menschen, die nicht glauben können, dass ich mich nicht sofort in den Dating-Dschungel warf, um einen Ersatz zu finden. Oder von frisch getrennten Bekannten, denen die Vorstellung alleine glücklich zu sein, einen Schauer über den Rücken laufen lässt.

Ich glaube, das Wichtigste für mich war, zu erkennen,
wann es an der Zeit ist, loszulassen.

Mein Herz schrie, meine Gedanken kreisten nicht mehr um mich, sondern nur noch um ihn, und doch spürte ich, das, was war, wird es so nicht mehr geben. Ich wünschte mir nichts sehnlicher, als ein Klopfen an der Tür, doch mein Verstand wusste, selbst wenn, nichts mehr wäre wie vorher. Ich löste mich von der Illusion, wie es hätte sein können. Ich wollte mich nicht mehr so elendig fühlen. Ich sah nach Wochen immer noch die Steinhaufen, die begrabenen Träume und machte mich ans Aufräumen. Allein. Schritt für Schritt, unter Schmerzen, mit vielen Pausen, Tränen und mehrmaligen Versuchen. Aber ich blickte irgendwann nicht mehr zurück.

Während ich die Trümmer wegtrug, blieb ich für mich. Ich war nicht allein, nicht einsam, dank meiner Freund*innen, aber ich beschloss, ganz bei mir zu sein, keinen Ersatz im Dating-Dschungel zu suchen. Denn wer auch sollte das ersetzen können, was mir fehlte. Ich wollte alleine mit meiner Trauer sein, sie verarbeiten und erst dann wieder frei für einen neuen Menschen sein.

Verarbeitung ist wichtig. Doch wie und wie lange jemand verarbeitet, ist sehr individuell. Manche brauchen ein Jahr, andere nur wenige Wochen. Manche stürzen sich ins nächste Abenteuer, daten, was das Zeug hält, andere wie ich suchen nicht die Ablenkung, sondern die Konfrontation mit dem Schmerz. Hier muss jeder seinen Weg finden. Es gibt kein richtig oder falsch, sondern nur den ganz eigenen persönlichen Weg, das zu tun, was man gerade möchte und braucht. Meiner war es, mich mit Menschen, die ich liebe, zu umgeben, aber erstmal keine neuen zu suchen. Wenn sollten sie mich finden und ich sie sehen können.

Auch half mir, all meine Gefühle zu leben. Die Trauer, die Wut, das Unverständnis, ja manchmal sogar eine Portion Hass, und dann wieder die unendliche Liebe, die im Raum umherschwirrte, ohne ihren Empfänger zu finden. Ich ließ alles raus, an jedem Ort der Stadt. Ohne Scham. Ich sprach tausendmal davon und meine Freund*innen hörten tausendmal zu. Bis ich irgendwann wieder andere Themen fand.

Ich räumte meine Wohnung um, sortierte meine Schränke und mein Inneres aus. Ich schob Möbel hin und her, genoß die Stunden in meiner vermeintlich neuen Wohnung und irgendwann auch das Alleinsein.

Ich dachte in der größten Trauer nicht an die Zukunft, sondern nur von Tag zu Tag. Manchmal von Stunde zu Stunde. Bis kleinere Pläne wieder möglich waren. Bis sich ein „Ich plane“ nicht mehr völlig falsch anfühlte, weil das Wir fehlte. Und zwischen die Pläne mischte sich irgendwann auch der Stolz und die Freude. Stolz, es geschafft zu haben, Freude, dass das Herz nur noch manchmal schmerzt, Glück, dass ich zwar allein, aber nicht einsam war.

Wie ich es geschafft habe, nach dem Ende meiner langen Beziehung, wieder alleine glücklich zu sein, kann ich gar nicht so genau beantworten. Heute bin ich es, schon eine ganze Weile.  Ein halbes Jahr danach war alles wieder erträglich, ein Jahr später war ich wieder glücklich. Wahrscheinlich half vor allem die Zeit.

Aber Glück ist nichts, was permanent von Dauer ist.
Das Leben ist ein Auf und Ab.

Irgendwann in den Monaten danach spürte ich, dass ich gerade glücklich bin. Glücklicher, als so manchmal in der Beziehung. Diesen Moment hielt ich fest, konservierte ihn und erinnerte mich in den dunklen Stunden, dass es sie gibt, die Momente, in denen ich alleine glücklich bin. Ich lernte, auf das Leben zu vertrauen. Mein Mantra war, dass was zusammengehört, zusammenfindet. Ich vertraute darauf, mein Leben jetzt zu leben, zu sehen, dass es mir gut ginge, denn alles andere würde sich fügen. Und das tat es. Ohne das vermeintliche Gegenstück, dafür aber mit vielen anderen Facetten. So sehr, dass ich das Gegenstück nicht mehr vermisste, es losließ und mein Leben wieder zu leben begann.

Auch heute gibt es Momente, in denen ich hadere. In denen ich versuche, auf das Leben zu vertrauen und trotzdem nach schrecklichen Dates bang in Richtung Zukunft blicke. Denn die Zukunft sieht anders aus, als ich sie mir vor Jahren ausgemalt habe. Anders, als ich sie mir gewünscht hätte. Aber die Zukunft sieht nicht schlecht aus. Im Gegenteil. Ich mag mein Leben, ich bin froh, wie alles ist, und die Zukunft bleibt aufregend, ungewiss und ich versuche, zu vertrauen.

Ich habe die Zeit alleine genutzt, um herauszufinden, wer ich bin, was ich will. Mich weiterentwickelt, mich ins Getümmel gestürzt, um ein Jahr später zu merken, ich möchte erstmal nicht mehr getrieben sein. Ich habe Glück von einer anderen Seite kennengelernt, weiß, wie stark und schwach zugleich ich sein kann. Habe keine Angst mehr vor dem Alleinesein, sondern genieße die Zeit mit mir genauso wie mit Freund*innen. Ich suche bei Dates keine Ablenkung, sondern Ergänzung. Ich weiß, was ich will und habe großes Vertrauen in meinen ganz persönlichen Weg.

Bleibt die Frage: Werde ich jemals wieder eine solche Liebe finden? Ja. Das habe ich auf meinem Weg. Ich bin umgeben von so viel Liebe. Meine Familie und Freund*innen schenken mir schon immer so viel Liebe, ich gebe so gut es geht, Liebe zurück, so dass ein Partner in meinem Leben geradezu der Jackpot wäre. Ich spiele also hin und wieder Lotto, in der Hoffnung irgendwann zu gewinnen. Doch bis dahin widme ich mich meiner großen Liebe Nummer 1. Mir.

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